Ludmila Skokanová (1906–1988)

Foto: Ludmila Skokanová, Quelle: Wikipedia (en)

In „Hlas“ verwendete Pseudonyme, Kürzel oder Namensformen: Lída Merlínová.

Ludmila Skokanová wurde am 3. Februar 1906 in Prag, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Sie ließ sich am Prager Konservatorium zur Sängerin ausbilden und begann 1925 ihre Karriere als Soubrette am Prager Nationaltheater. Nach einem Engagement als Opernsängerin am Stadttheater im mährischen Olomouc (Olmütz) lernte sie den Komponisten, Dirigenten und Pädagogen Cyril Pecháček (Pseud. Ivo Milič, 1899–1949), mit dem sie eine „Vernunftehe“ einging. Nach ihrer Heirat wandte sie sich der literarischen Arbeit zu und legte 1929 ihre erste Veröffentlichung vor. Sie schrieb unter dem Pseudonym „Lída Merlínová“ den ersten lesbischen Roman in tschechischer Sprache, „Vyhnanci lásky“ (Die Verbannten der Liebe, 1929), der innerhalb kurzer Zeit ein großer Erfolg wurde. Er war schon nach wenigen Monaten ausverkauft und brachte Ludmila Pecháčková-Skokanová alias Lída Merlínová Lob von Schriftstellerkolleg*innen wie Jiří Karásek ze Lvovic ein. Sie verfasste aber auch Biografien über bekannte Persönlichkeiten. Etliche ihrer Werke waren zur Erbauung und Inspiration von Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen gedacht.

In den 1930er Jahren schrieb Ludmila Pecháčková-Skokanová eine Reihe von Jugendromanen, in deren Mittelpunkt die Abenteuer unabhängiger moderner junger Frauen standen. Einige ihrer Werke, wie „Marie a Marta ve finiši“ (Marie und Marta am Ziel, 1934) und „Činská dívka“ (Chinesisches Mädchen, 1938), hatten lesbische Untertöne. Ludmila Pecháčková-Skokanová war die wichtigste lesbische Autorin für die Zeitschrift „Hlas sexuální menšiny“ (Die Stimme der sexuellen Minderheit), und als diese 1932 in „Nový hlas“ umbenannt wurde, schrieb sie weiterhin Artikel über aktuelle LSBTIQ*-Themen wie Cross-Dressing und die Kraft, die Widrigkeiten zu überwinden, mit denen Menschen aus dem LSBTIQ*-Spektrum konfrontiert waren. In ihren Schriften brachte sie wiederholt die Ansicht zum Ausdruck, das Verhalten einiger Mitglieder der „queeren Community“ erschwere es dem Rest der Gemeinschaft, von der heterosexuellen Mehrheit akzeptiert zu werden und so volle Gleichberechtigung in der Gesellschaft und vor dem Gesetz zu erlangen.

Zu den biografisch inspirierten Werken, die Lída Merlínová alias Ludmila Pecháčková-Skokanová veröffentlichte, gehört beispielsweise der 1935 erschienene Roman „Zdenin světový rekord“ (Zdenas Weltrekord), der von dem tschechoslowakischen Leichtathleten Zdeněk Koubek (1913–1986) handelt. Koubek unterzog sich Mitte der 1930er Jahre, nachdem er bei der Weltmeisterschaft der Frauen 1934 zwei Medaillen gewonnen hatte, geschlechtsangleichenden Operationen. Er wurde weiblich sozialisiert und trug ursprünglich den Namen Zdena Koubková, wurde dann aber als intersexuell diagnostiziert und lebte nach 1935 als Mann. „Zdenin světový rekord“ beginnt als ein „bittersüßer Mädchenroman“, der seine Hauptfigur als ein armes Mädchen vom Lande schildert. Sie kommt nach Prag, um Arbeit zu finden. In ihrer Freizeit treibt sie Sport, und die Erfolge, die sie hier feiert, öffnen ihr das Tor in „höhere“ Gesellschaftskreise. Erst später betont die Autorin immer wieder Zdenas „Jungengesicht“ und deren flache Brust.

Wie in ihren Büchern für Kinder und Jugendlich ging es auch in Ludmila Pecháčková-Skokanovás Romanen für Erwachsene um emotional und beruflich kompetente und selbstbewusste Frauen, wobei die Autorin sich nicht scheute, kontroverse Themen aufzugreifen. Von Anfang der 1930er Jahre bis 1940 unterrichtete sie auch Tanz in Olomouc (Olmütz), bis sie und ihr Mann nach Dvůr Králové (Königinnenhof an der Elbe), unweit der heutigen tschechisch-polnischen Grenze, umzogen. Nachdem Prag von der deutschen nationalsozialistischen Besetzung befreit war, zogen Ludmila Pecháčková-Skokanová und ihr Mann nach Prag, wo sie weiter Tanzstunden gab. Während der kommunistischen Periode der Tschechoslowakei, die 1948 begann, wurden alle ihre Werke verboten. Cyril Pecháček starb 1949, und Ludmila Pecháčková-Skokanová ging eine Beziehung mit einer Frau ein, die bis zu ihrem Tod andauern sollte.

Lída Merlínová alias Ludmila Pecháčková-Skokanová starb am 11. Juli 1988 in Prag. Während des Kommunismus weitgehend in Vergessenheit geraten, wurde ihr Name im Jahr 2000 in das Lexikon der tschechischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen aufgenommen. In der Folge beschäftigten sich mehrere Akademiker sowohl in der Tschechischen Republik als auch in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten mit ihrem Leben und Werk, um ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender* in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit zu würdigen.

Veröffentlichungen in „Hlas“:

als Lída Merlínová

  • Psycha homosexuálních | Die Psyche der Homosexuellen, in: Hlas sexuální menšiny – zájmy uznávané vědou a kulturními státy, 1931 (4), S. 2–3.
  • Za zavřenými vičky | Hinter verschlossenen Augenlidern, in: Hlas sexuální menšiny – zájmy uznávané vědou a kulturními státy [dt. Untertitel: Organ zum Schutz der sexuellen Minderheiten], 1931 (7–8), S. 8–10.
  • Ejhle člověk | Siehe, der Mensch, in: Hlas list sexuální menšiny, 1932 (1), S. 7–11.
  • Řekla mi … | Sie sagte mir …, in: Nový hlas – list pro sexuální reformu, 1932 (1), S. 12.
  • „Láska ze všech nejsmutnějši“ | „Die traurigste aller Lieben“, in: Nový hlas – list pro sexuální reformu, 1932 (2), S. 3–5.
  • Prostitut | Der Prostituierte, in: Nový hlas – list pro sexuální reformu, 1932 (6), S. 5–6.
  • Dopis | Ein Brief, in: Nový hlas – list pro sexuální reformu, 1932 (7–8), S. 8–10.
  • Marie a Marta | Marie und Marta, in: Nový hlas – list pro sexuální reformu, 1933 (4), S. 59–61.
  • Omyly a nevkusy „našich“ mužů a žen | Die Fehler und der schlechte Geschmack „unserer“ Männer und Frauen, in: Nový hlas – list pro sexuální reformu, 1933 (7—8), S. 111–113.
  • Vám, přiteli!, Für Sie, mein Freund, in: Nový hlas – list pro sexuální reformu, 1933 (10), S. 138–140.
  • Hemfry, in: Nový hlas – list pro sexuální reformu, 1934 (6), S. 79–81.
  • Můj přítel | Mein Freund, in: Nový hlas – list pro sexuální reformu, 1934 (12), S. 166–167.

Würdigungen und Besprechungen in „Hlas“:

  • S. J.: L. Merlinová: Vyhnanci lásky | Die Verbannten der Liebe, in: Hlas sexuální menšiny – zájmy uznávané vědou a kulturními státy, 1931 (4), Cover vorn innen.

Weiterführende Literatur und Quellen:

  • Seidl, Jan (2012): Homosexualita v praxi a diskurzu trestního práva, medicíny a občanské společnosti od vydání trestního zákona z roku 1852 do přijetí trestního zákona z roku 1961 (dizertační práce). Praha: Univerzita Karlova v Praze, Fakulta humanitních studií, S. 188–195.
  • Seidl, Jan u.a. (2014): Queer Prague. A Guide to the LGBT History of the Czech Capital 1380–2000. Brno: Černé pole, S. 77–80.
  • Zdráhalová, Judita (2022): Život a kriminalizace českých neheterosexuálních žen v 1. polovině 20. století (Bakalářská práce). Praha: Univerzita Karlova, katolická teologická fakulta, Katedra církevních dějin a literární historie, S. 42–44.

Internet:

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